Bergamont E-Line C XT

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Unaufgeregt durch Stadt und Land

Frisch aus dem Karton: Das Trekking-E-Bike C XT aus der Hamburger Fahrradschmiede Bergamont ist in diesem Sommer im redaktionellen Dauerstress. Seit Ende Juni die Spedition an der Verlagstür klingelte, sind nur wenige Tage vergangen, an denen das Nobelbike nicht über Straßen, Stock und Stein rollte. Über tausend Kilometer kamen so in den ersten acht Wochen zusammen – Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen und den nächsten Tausender unter die Räder zu nehmen.

Von Friedhelm Kortmann

Dezent bis nobel lässt sich der Auftritt des Hamburgers am ehesten charakterisieren, typisch hanseatisch eben. Zehngang-Kettenschaltung, Schalt- und Bremshebel sowie
hydraulische Scheibenbremsen aus der Deore-XT-Serie von Shimano, Federgabel Rockshock Paragon Gold, Scheinwerfer mit Tagfahrlicht und Rücklicht mit Standfunktion – hier wurde an nichts gespart. Auch Rahmendesign und Lackierung folgen der Devise „auffällig unauffällig“ – das passt alles harmonisch zusammen.

Die Antriebseinheit inklusive Bordcomputer entstammt ebenfalls der gehobenen Klasse. Der Bosch-Performance-Line-Mittelmotor schiebt kräftig an, das mitgelieferte Nyon-Display ist ein Eldorado mit hohem Unterhaltungsfaktor für Web-Nerds. Einmal aufgesteckt, informiert es den Piloten nicht nur über die üblichen Fahrdaten und Messwerte, sondern teilt auch mit, wie viele Bäume dank C02-Einsparung per Pedes gerettet wurden, welche Euro-Summe dank Öko-Trip auf dem Konto bleibt und für wie wenig Cent der Akku nachgeladen wurde. Per Bluetooth mit einem passenden Sender oder Brustgurt gekoppelt, informiert das Fitness-Menü über verbrannte Kilokalorien, getretene Kilowattstunden, Herzfrequenz und andere sportliche Details. Wo es auf der Tour langgeht, verrät das Navigationssystem. Ein Teil der Anwendungen steht als „Bosch eBike Connect“ gratis zur Verfügung, weitere Programme können als „Premium-Funktionen“ per App dazugekauft werden.

Uns war das sehr komplexe Nyon für den Redaktionsalltag etwas zu umständlich und unhandlich; weil das System darüber hinaus aufgrund einer veralteten Software etwas schwächelte, rüsteten wir in Absprache mit Bosch und mit Unterstützung des Dortmunder Bergamont-Vertragshändlers Frank Reuber das System auf das Basis-Display Intuvia um. Bei aktualisierter Software ist dieses „Downgrade“ ohne weitere technische Eingriffe möglich, selbst die Bedieneinheit am Lenker funktioniert weiter. Allerdings verliert der Joystick, der das Menü des Nyon steuert, seine Funktion. Praktisch: Egal, ob Nyon oder Intuvia – die Gesamtkilometer werden kontinuierlich fortgeschrieben, da diese Daten in der Peripherie des Motors und nicht im Bordcomputer abgelegt sind.


Das Bergamont im Steno-Ticker

DAS RAD
Unspektakulär präsent. Knapp 23 Kilogramm bei dieser Vollausstattung sind ein echtes Pfund, das geht fast durch als Leichtgewicht. Trotzdem fällt die Zuladung mit 110 Kilogramm zumindest in der Mittelgewichts-Fahrerklasse noch tourentauglich aus. Sehr robuster Alurahmen, stoischer Geradeauslauf, da könnte man tagelang freihändig fahren (haben wir natürlich nicht gemacht). Sehr wendig dank kompakter Rahmengeometrie, sehr gute Federgabel. Weit nach hinten gezogener Gepäckträger macht bei voller Beladung das Vorderrad etwas leicht, bietet aber ein Plus an „Hackenfreiheit“ beim Pedalieren.
Bosch Performance-Line-Mittelmotor mit starkem Antritt und leichtem Bremseffekt ab 27,4 Stundenkilometern, etwas nerviges, aber akzeptables Hin und Her im Grenzbereich der Tretunterstützung. Breiter, gerader Lenker für sicheres Handling, ergonomische Griffe. Gut übersetzte Zehngangschaltung, entspanntes Treten bis 35 Stundenkilometer.
Note Rad und Antrieb „2+“.

DIE REIFEN
Schwalbe Energizer Plus Performance Line. Sehr leichter Lauf, mäßige Dämpfung auch bei minimalem Druck (3 bar). Etwas rutschig bei Nässe. Lebensdauer wird noch „erfahren“.
Note Reifen „3-“.

DIE REICHWEITE
Akku mit 36 Volt und 400 Wattstunden, der neue 500er für die nächste Saison wird ebenfalls passen. Insgesamt durchwachsene Laufleistungen: Innerstädtisch überwiegend im „Tour“-Modus bewegt, reicht der Saft für durchschnittlich 70 Kilometer bergauf/bergab. Im „Eco“-Modus auf gerader Strecke ohne Wind sind auch mal 130 Kilometer drin. „Sport“ und „Turbo“ sind für kurzfristigen Schub hilfreich, saugen aber den Akku in kürzester Zeit leer.
Note unterwegs „2-“.

DAS LICHT
Dank Nebendynamo immer gut belichtet, ausgezeichnete Scheinwerferleistung. Die Position könnte etwas höher sein, im Dunkeln fällt ein großer Teil des Lichtkegels auf das Vorderrad, bei höherer Ausrichtung leuchtet der 50-Lux-Suchscheinwerfer in den Himmel. Stand- und Tageslichtfunktion. Das Rücklicht ist in den Gepäckträger integriert; die LEDs bleiben auch im Stand lange Zeit sichtbar.
Note vorne und hinten insgesamt „2+“.

FAZIT
„Always Vollgas“ steht auf dem Lenkervorbau. Das wirkt als Slogan etwas bemüht, macht das ausgewogene Rad aber natürlich nicht schlechter. Optimieren ließe sich der Gepäckträger, dem eine zusätzliche Reling zur Aufnahme der Backbags gut tun würde. Bei längerer Nutzung würden wir für einen höheren Fahrkomfort eine Parallelogramm-Sattelstütze montieren (haben wir ab Kilometer 1000 auch gemacht) und den Reifendruck weiter reduzieren – oder andere Reifen montieren. Der Scheinwerfer könnte, statt an der Federgabel weiter oben angebracht, noch effektiver sein. Ansonsten kann das Rad so bleiben wie es ist. In der Stadt wendig, auf Tour komfortabel-sportlich und selbst vor Waldwegen schreckt es nicht zurück. Geräusche aus Richtung Tretlager sowie die erwähnten Elektronik-Probleme waren nach der Erstinspektion spurlos verschwunden, weitere Werkstatt-Eingriffe waren bisher nicht erforderlich. Jetzt geht das Rad zur verspäteten tausender Inspektion.

 

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