Testfahrt: HP Velotechnik Scorpion FS26

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Auf drei Feuerrädern Richtung Zukunft

H. David Koßmann vom pressedienst-fahrrad im Selbstversuch mit einem S-Pedelec-Liegedreirad.

Von H. David Koßmann

Liegeräder sind bequem und schnell. Das musste ich einfach mal ausprobieren: An einem Tag 150 Kilometer auf Asphalt zwischen meinem Wohn- und Heimatort. Ziel erfasst! Mit dem Dreirad müssten meine Beine dafür viel üben, wurde mir prophezeit – komplett anders sei die körperliche Belastung. Grundsätzlich radle man aber komfortabler und mit „Panoramablick“. Die tiefe Position wiederum sei zwar im Straßenverkehr ungewohnt, aerodynamisch jedoch günstiger. Das Testrad ist ein „Scorpion“ von HP Velotechnik mit Vollfederung, faltbarem Rahmen und Komplettausstattung. Außerdem wird es mir als S-Pedelec mit Unterstützung bis 45 km/h angeboten. Der Bolide kommt direkt mit zwei Akkus und der Windschutzscheibe „Streamer“.

Platz nehmen
Als das Rad ankommt: Reinklettern, flink die Sitzlänge angepasst, Motor an und reintreten … Heidewitzka! Überwältigend die Beschleunigung! Der Scorpion ist definitiv giftig! Nachdem in der ersten Kurve das innere Vorderrad und mein Puls kurz in die Höhe steigen, lehne ich mich jauchzend mit meinem ganzen Gewicht in die zweite …

Tief (f)liegen auf den täglichen Wegen
Vieles, was man als Radfahrer für selbstverständlich hält, erfordert mit einem S-Pedelec ein Umdenken: Innerorts darf man nicht auf den Radweg. Ein Radhelm ist Pflicht. Führerschein und Versicherungspapiere sind mitzuführen. Während man das Fahrrad schnell mal den Bordstein hochlupft oder absteigt und schiebt, ist man mit dem Liegedreirad auf abgesenkte Bordsteine angewiesen – plötzlich verstehe ich Rollstuhlfahrer. Im zweiten Eindruck ist die Nähe zum Boden bemerkenswert. Schlaglöcher werden zu Landmarken. Ihnen auszuweichen, erhöht den Platzbedarf. Hat man die Kurvendynamik des Geschosses allerdings einmal verinnerlicht und kann das kurveninnere Vorderrad nur Millimeter neben die Fahrbahnbegrenzung „setzen“, steigen die Mundwinkel. Selbst mit nur einer Hand lässt der Scorpion sich gut lenken.

Das Liegeradfahren hat viel mit Himmel zu tun. Mit weit nach hinten rotiertem Oberkörper empfange ich das Kommende sozusagen mit offenen Armen. Erstmals fallen mir Vögel auf, die mich, hoch oben, ganz schön weit begleiten.

Finden die das Fahrzeug kurios oder bemerke ich sie sonst nicht? In Pausen bleibe ich im Rad liegen und sehe den Wolken oder dem Wind in den Bäumen zu. Welch großen Teil des Sichtfelds auf dem normalen Fahrrad die Straße einnimmt! Aufrecht radelnd biete ich dem Wind die Stirn und stemme meine Schultern im Wiegetritt gegen das Wetter. Liegend habe ich das Gefühl von mehr Licht im Blick, das Fahren ist weniger Kampf, es fühlt sich gelassener und offener an.

Stromspiele auf großer Tour
Bleibt die Königsetappe in meine Heimatstadt, gute 150 km einfacher Weg. An einem Tag hin, Akkus laden und am nächsten Tag zurück. Zwei zusätzliche Akkus für den Parforceritt bringen das Gesamtgewicht ans zulässige Maximum und den Wert des Testmobils in die Nähe der Zehntausend-Euro-Marke. Dank Rückenwind komme ich schon auf Unterstützungsstufe 2 mit knapp 40 Stundenkilometern gut voran. Im Leinetal flussaufwärts lässt es sich leicht an die StVO halten. Von der Leine an die Unstrut aber muss ich über einen Höhenzug, die Straße wäre ein deutlicher Umweg – also wider besseres Wissen auf den Waldweg. Der Hecknabenmotor hat gut zu tun: Kurz vor dem Gipfel blinkt eine Temperaturwarnung, die nach zehn Minuten Pause aber wieder verschwindet.

Das erste Drittel der Strecke liegt hinter mir. Tendenziell bergauf, habe ich dabei deutlich mehr als ein Drittel des „Tanks“ verbraucht. Nun fahre ich im verschlafenen Tal bergab und genieße das Go-Kart-Gefühl. Etwa 50 km lang bleibe ich anschließend am Fluss, der Tacho zeigt auch bei Stufe 1 selten unter 30 km/h. Ich begegne staunenden Reiseradlern, neugierigen Hunden und begeistert rufenden Kindern. Die sonst etwas zähe Gegend nördlich von Erfurt rauscht vorbei und ehe ich mich versehe, biege ich auf die Zielgerade ein – ein Hügel mit gut zwölf Prozent Steigung. Der letzte Akku-Balken blinkt, als ich die Handbremse ziehe: Punktlandung. Mir selbst geht es erstaunlich gut.

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